Das Projekt

Projektbeschreibung

                 Zum Bezug zwischen Geschichte und Gegenwart

                Die Wechselwirkung zwischen Architektur und der deutschen Geschichte am Beispiel der Reichskanzlei

                Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung

                Die 3D- Rekonstruktion der Reichskanzlei als experimentelle Archäologie

Projektgeschichte

                2003-2010 (Das erste 3D-Modell)

                2011-2018 (Die Arbeit an dem neuen 3D Modell)

                Die Zukunft des Projektes

                Die aktuellen Herausforderungen für das Projekt

Projektbeschreibung

Zum Bezug zwischen Geschichte und Gegenwart

Ob sich einer der vielen Berlintouristen oder Berliner schon einmal Gedanken darüber gemacht hat, ob die Gestaltung des Berliner Bundeskanzleramtes mit seiner optischen Anlehnung an die Alte Reichskanzlei von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl so gewünscht wurde? Wollte er durch die Art der Gestaltung seines Wohn – und Amtssitzes eine Ära weiterführen? Oder hatte er dem Architekten für die Gestaltung freie Hand gelassen und es ist reiner Zufall, dass der offizielle Wohnsitz des Bundeskanzlers mit seinen dort für ihn reservierten Arbeits- und Repräsentationsräumen äußerlich stark der Alten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 77 ähnelt?
Fakt ist, dass das Bundeskanzleramt mit seinem überhöhten Mittelbau mit niedrigeren Seitenflügeln, dem abgezäunten Ehrenhof, dem Vordach und der Skulptur im Ehrenhof wie eine Hommage an die Alte Reichskanzlei wirkt, die 1878 bis 1945 von den deutschen Reichskanzlern als Wohn- und Arbeitsort genutzt wurde.
An diesem Beispiel zeigt sich, dass Geschichte nicht durch den Abriss von Gebäuden nachträglich veränderbar ist, jedoch für nachfolgende Generationen schwerer interpretierbar wird.


Die Wechselwirkung zwischen Architektur und der deutschen Geschichte am Beispiel der Reichskanzlei  

Ein Gebäude ist hauptsächlich erst einmal ein Baukörper mit architektonischen Elementen.
Architektur hat jedoch sehr viel mit persönlichem Geschmack zu tun. Das Gebäude der Reichskanzlei ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie unterschiedlich die Architektur von den unterschiedlichen Bewohnern des Hauses eingesetzt wurde. Da die Reichskanzlei von ihnen ständig erweitert wurde, kann an ihrer Architektur die Entwicklung verschiedener architektonischer Stilrichtungen erforscht werden. Neben seiner geschichtlichen Bedeutung war die Reichskanzlei damit auch ein Gebäude, an dem verschiedene Architekten ihre künstlerischen Spuren hinterlassen hatten. Konrad Wiesend hat das Ursprungspalais, das später zur ersten Reichskanzlei wurde, errichtet und Karl Friedrich Schinkel gestaltete es Anfang des 19. Jahrhunderts für den polnischen Fürsten Anton Radziwill im Geschmack der Zeit grundlegend um. Später erweiterten namhafte Architekten wie Wilhelm Neumann, Ernst von Ihne, Eduard Jobst Siedler, Paul Ludwig Troost, Leonhard Gall und Albert Speer das Gebäude jeweils im Geschmack der Zeit. 
Sie waren es aber auch, die das architektonische Bühnenbild entwarfen, mit dessen Hilfe die deutschen Reichskanzler ab 1878 ihren politischen Anspruch in der Welt optisch zu unterstreichen versuchten. Die Umbauten verraten daher, wie die verschiedenen Reichskanzler von der Öffentlichkeit gesehen werden wollten und lassen durch eine Analyse der Architektur Rückschlüsse auf die verschiedenen Charaktere der Bauherren zu.



Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Baugeschichte der Reichskanzlei wurde in Deutschland, von offizieller Seite, nie vorgenommen. Da das öffentliche Interesse an dem Bauwerk dadurch jedoch nicht weniger wird, überlässt man die Geschichtsaufarbeitung daher vor allem privaten TV-Produktionen, die dann oftmals Fiktion und Wirklichkeit nach Belieben vermischen, um Einschaltquoten und „Likes“ zu generieren. Dadurch wurde das Gebäude in den vergangenen Jahren zum Mythos verklärt und ausschließlich auf seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus und den Ort des Führerbunkers reduziert. 
Die weltpolitische Rolle des Gebäudes und die seiner Bewohner, wie z.B. Schulenburg, Radziwill, Bismarck und Ebert, werden ignoriert, um auf der ewigen Suche nach Adolf Hitler wieder und wieder nach versteckten Fluchttunneln und Bunkern zu suchen. 
Durch die 3D-Rekonstruktion des Gebäudes wird es in Zukunft möglich sein, historische Ereignisse besser einzuordnen und den Verklärungen historisch fundierte Tatsachen gegenüberzustellen. Aussagen und Theorien von verschiedenen Zeitzeugen, Autoren und Journalisten können nun am rekonstruierten historischen Ort auf ihre Schlüssigkeit überprüft werden. Der Vergleich ihrer Aussagen mit den tatsächlichen Begebenheiten am Ort des Geschehens lässt manche Behauptungen dadurch in einem neuen Licht erscheinen.
Eine Reise zurück in der Zeit und die Möglichkeit, selbst durch das historische Gebäude zu laufen, wird dabei helfen, historisch interessierten Menschen Geschichte und Architektur intensiver als je zuvor vermitteln zu können und diese dabei selbst zu Augenzeugen einer längst vergangenen Zeit zu machen.



Die 3D- Rekonstruktion der Reichskanzlei als experimentelle Archäologie

Am Beispiel der Reichskanzlei ist gut zu erkennen, wie schwer es ist, einen historischen Ort allein anhand von historischen Plänen und Fotos verständlich zu machen. Es gibt unzählige Bücher, journalistische Berichte und Dokumentationen, die sich mit der Geschichte des Gebäudes beschäftigen. Nur wenige diese Publikationen gehen jedoch darauf ein, dass die Baugeschichte des Gebäudes bis in das Jahr 1733 zurückgeht. Ignoriert man aber das Ursprungsgebäude, dann ist eine Interpretation der später unter den Reichskanzlern entstandenen Erweiterungsbauten nicht möglich.  
Zu dieser Erkenntnis ist der Autor des hier präsentierten Projektes gekommen, da er sich den Aufwand gemacht hat, das Gebäude digital zu rekonstruieren. Die 3D – Rekonstruktion wurde so nicht nur zum bildgebenden Mittel, sondern, ähnlich der experimentellen Archäologie, zu einem eigenständigen wissenschaftlichen Werk.
Während dieser Rekonstruktion konnten viele zuvor in Büchern behauptete Thesen zur Baugeschichte der Reichskanzlei widerlegt werden. Denn durch den Nachbau anhand der überlieferten Baupläne war es möglich zu erkennen, ob diese tatsächlich als Bauplan dienten oder ob sie nur Vorentwürfe oder spätere Rekonstruktionen darstellten.
Weiterhin werden für die für dieses Projekt vorgenommene 3D- Rekonstruktion tausende Fotos miteinander verglichen. Dadurch wurden ständige bauliche Veränderungen an dem Gebäude festgestellt, die bisher unbekannt waren. Während der Arbeit an diesem Projekt hat sich weiterhin herausgestellt, dass die 3D – Rekonstruktion eines historischen Ortes nicht allein Grafikern überlassen werden darf. Ein Grafiker hat oftmals nicht das nötige wissenschaftliche Verständnis der historischen Bausubstanz und so entstehen 3D – Rekonstruktionen, die für wissenschaftliche Arbeiten ungeeignet sind, da sie Nebensächlichkeiten betonen, die dem Grafiker optisch interessant erschienen, jedoch keiner Rekonstruktion im wissenschaftlichen Sinne entsprechen.
In dem Projekt der Rekonstruktion der Reichskanzlei wird daher auf übertriebene optische Effekte verzichtet. Das Bauwerk und die möglichst genaue Rekonstruktion stehen im Vordergrund der Arbeit, um historisch Belegtes nicht mit Fiktion zu vermischen.

Die Reichskanzlei (DVD-Trailer von 2008)

Projektgeschichte

2003-2010 (Das erste 3D-Modell)

Die Arbeit an der 3D-Rekonstruktion der Reichskanzlei hatte 2003 begonnen.
Am Anfang schien alles ganz einfach zu sein und so waren nur 6 Monate für die Fertigstellung des 3D-Modells eingeplant.
Es gab einige Bücher auf dem deutschen und dem amerikanischen Buchmarkt, die sich mit dem historischen Berliner Regierungsviertel und mit dem Gebäude der Reichskanzlei beschäftigten.
Ein Team von fünf 3D – Grafikern wurde zusammengestellt. Diese sollten die in den Büchern veröffentlichten Pläne, Fotos und Informationen als Grundlage nutzen, um das 3D-Modell zu erstellen. Doch bald stellte sich heraus, dass dies keine leichte Aufgabe darstellte. Denn wenn man eine Vorlage aus einem Buch nutzt, um nach ihr ein Gebäude zu rekonstruieren, schaut man diese Vorlage viel genauer an, als es vielleicht der Autor tat, bevor er das Bild für sein Buch auswählte. Schnell wurde Christoph Neubauer klar, dass viele Thesen und Beschreibungen der Buchautoren nicht mit den Dokumenten zu korrespondieren schienen, die die Autoren in ihren eigenen Büchern verwendeten. Aus diesem Grund musste er selbst damit anfangen, zur Baugeschichte der Reichskanzlei Nachforschungen zu betreiben, um solche Ungereimtheiten in seiner Arbeit ausschließen zu können. Das einfache Nachbauen eines Gebäudes wurde so zu einem eigenständigen Forschungsprojekt und Christoph Neubauer zum Grafiker, der seine Arbeit nun mit dem Qualitätsanspruch eines Historikers und Wissenschaftlers fortsetzte. 
Trotz der geringen Anzahl an Dokumenten, die der Rekonstruktion als Vorlage dienten, war das erste 3D-Modell detailliert und historisch akkurat genug, um es in den geplanten 3D-animierten Dokumentationen nutzen zu können. Das gelang hauptsächlich dadurch, dass es im Film möglich ist, durch den geschickten Einsatz von Kameraführung und Schnitt nur die Bereiche des Modelles zu zeigen, die Neubauers wissenschaftlichem Anspruch entsprachen. 
Das 3D-Modell wurde in den Jahren 2007-2009 noch um den Bunker der Alten Reichskanzlei, den Führerbunker und weitere Umgebungsbauten erweitert, um dem Betrachter eine bessere Orientierung innerhalb des gesamten Gebäudeensembles zu ermöglichen.

2011-2018 (Die Arbeit an dem neuen 3D Modell)

Zurück in Europa und nach der Erweiterung des Privatarchives um einen Großteil der in den verschiedenen in Archiven zugänglichen Baupläne der Reichskanzlei, begann Christoph Neubauer 2011 damit, das 3D-Modell um die Kelleranlagen und die Bunker der Neuen Reichskanzlei zu erweitern. Während dieser Arbeit stellte sich schnell heraus, dass die neu entstandenen Kellerräume nicht genau in das 3D-Modell passten, das zwischen 2003 und 2006 von den Grafikern in Südafrika erstellt wurde.
Das kam dadurch, dass für die Erstellung des ersten 3D-Modells nicht mehr als 100 Pläne und Fotos zur Verfügung standen und zudem den Grafikern damals genaue Abmessungen der Gebäudeteile unbekannt waren. Ein weiterer Grund für die Ungenauigkeiten des alten Modells war die Tatsache, dass es von Grafikern erstellt wurde, die zwar die Software gut beherrschten, jedoch oft wenig Verständnis für die Regeln der Architektur hatten. Das ist ein sehr häufiges Problem, wenn historische Gebäude allein von Grafikern und Programmierern rekonstruiert werden.
Auf dem Hintergrund seines zwischenzeitlich stark erweiterten Bildarchives (aktuell beinhaltet es mehr als 13.000 Baupläne und Fotos der Reichskanzlei) und der Erweiterung seiner eigenen Fähigkeiten als 3D-Grafiker entschloss sich Christoph Neubauer 2011 dazu, das gesamte Modell der Reichskanzlei in Eigenarbeit neu anzufertigen. Dies war eine schwere Entscheidung, da bereits sehr viel Zeit und Geld in das alte 3D-Modell investiert worden waren. Jedoch war es für die Zukunft des Projektes notwendig, diesen Schritt zu gehen, um später die Möglichkeit zu haben, das Modell in Raum und Zeit problemlos erweitern zu können.  
Seit 2013 machen neue technische Entwicklungen Hoffnung auf eine neue Art der öffentlichen Präsentation des 3D-Modells. Wäre es nicht eine tolle Erfahrung, eines Tages mit Hilfe von VR-Brillen eigenständig durch die rekonstruierten Räume der Reichskanzlei zu laufen? Doch in den folgenden Jahren wurde schnell klar, dass die virtuelle Realität neben der Auflösungsqualität der Brillen auch noch das Problem des eigentlichen Laufens innerhalb der virtuellen Realität zu lösen hat, bevor eine anspruchsvolle Architekturbetrachtung innerhalb der VR möglich sein wird.  
Aus diesem Grund entschied Neubauer, das neue 3D-Modell vorerst für die Präsentation auf klassischen Bildschirmen zu optimieren und die Nutzer, wie in einem Videospiel, selbstständig die rekonstruierten Straßen und Gebäude erkunden zu lassen.
Auf diese Art werden dem Nutzer die 3D-Modelle und ihre Texturen in höchster Detailschärfe dargestellt und zudem ein hoher Realismus in der Darstellung der Vegetation und der Lichteffekte ermöglicht.
Heute weist das neue 3D-Modell eine maximale Toleranz von nur 0.5cm gegenüber den Bauplänen der Reichskanzlei auf. Das wird dadurch erreicht, dass bei der Rekonstruktion die Pläne nicht einfach als Fotoreferenz genutzt werden, sondern das Modell allein anhand der Maßangaben erstellt wird. Dadurch werden Verzerrungen vermieden, die während der Reproduktion von Plänen durch die Linsenverzerrung der Fotokameras entstehen. 
Doch nicht immer wurde nach den Bauplänen gebaut. Von vielen Detailbereichen der Reichskanzlei sind auch keine Baupläne überliefert oder sie widersprechen den Fotos, die diese Bereiche dokumentieren. Da Christoph Neubauer sein Privatarchiv fast täglich erweitert und da die daraus resultierenden neuen Erkenntnisse ständig in das 3D-Modell eingefügt werden, wird die Rekonstruktion wohl noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Nur so wird es möglich sein, das 3D-Modell der Reichskanzlei immer auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu halten.

Die Zukunft des Projektes

Niemand kann in die Zukunft sehen, doch vermutlich wird die Arbeit an dem 3D-Modell nie beendet werden. Momentan liegt die ganze Konzentration darauf, das Modell im Bauzustand vom August 1939 fertigzustellen. Das wird später auch alle Räume der Alten und der Neuen Reichskanzlei, inklusive der beiden Wohnbauten der Begleitmannschaften und der Tiefgarage, beinhalten. Die Räume, von denen keine Fotos überliefert sind, werden nur anhand von Grundrissen und Aufrissen der Bauakten rekonstruiert werden können. Somit wird es aber für die Nutzer in der Zukunft möglich sein, selbstständig durch den gesamten Gebäudekomplex zu laufen und jeden einzelnen Raum so zu sehen, wie er nach aktuellem Stand der Forschung momentan rekonstruierbar ist.
Ziel ist es, das gesamte Gebäude in all seinen verschiedenen Bauzuständen zu rekonstruieren und dem Tourteilnehmer so die Möglichkeit zu geben, dieses wichtige historische Gebäude in seiner Gesamtheit erlebbar zu machen.   

Die aktuellen Herausforderungen der Präsentation

Man mag sich fragen, warum es nicht möglich ist, das 3D-Modell über das Internet selbstständig am heimischen Computer zu begehen. 
Ein Grund dafür ist, dass dies einen sehr leistungsfähigen Computer des Nutzers voraussetzen würde. Es ist aber nur möglich, das 3D-Modell auf einem Computer zu betrachten, der für die Darstellung komplexer 3D-Modelle optimiert ist.